Verschiedene Schwänke und Sagen nach Konrad Schüler
 
 

Die goldenen Erbsen

Im 18. Jahrhundert soll es gewesen sein. Der Sippels Mathäs und sein Bruder waren beim Holzsammeln. Sie sahen, dass die Kellertüre des Schlosses offenstand und schlüpften hinein. Im Keller trat ihnen eine weiße Jungfrau entgegen, die ihnen einen der mit Erbsen gefüllten Säcke gab.
Sie schleppten den schweren Sack den Burgberg hinab, als sie merkten, dass ihnen ein schwarzer Hund folgte. Sie liefen immer schneller, wobei sie die Erbsen verloren. Zu Hause angekommen, war der Sack leer und nur eine einzige Erbse fanden sie noch, die sich in ein Goldstück verwandelt hatte.

_________________________________________

Die goldenen Knotten

Förster Bleibtreu aus Hilmes kam einst am Schloß auf dem Landecker vorbei. Auf dem Schloßweg sah er Klängtücher mit Knotten liegen. Er hob eine Handvoll von diesen schönen Knotten auf, die sich in Goldstücke wandelten. Ähnlich erging es einigen Kindern, die im Schloßhof Klängtücher mit Weizen fanden. Eine weiße Jungfer schenkte sie ihnen. Als sie sie nach Hause getragen hatten, waren die Weizenkörner eitel Gold geworden.

_________________________________________

Vergiss das Beste nicht

Ein Schäfer hütete auf dem Landecker Berg seine Schafe. Von den Schlüsselblumen, die es dort oben in großen Mengen gibt, pflückte er sich einen Strauß. Da trat eine Jungfrau an ihn heran und sagte, er möge ihr in den Schloßkeller folgen. Der Schäfer gehorchte und fand im Keller mit Gold gefüllte Fässer. Er legte seine Schlüsselblumen auf eines derselbenund stopfte sich auf Geheiß der Jungfrau alle Taschen voll Gold. Darüber hatte er seine Schlüsselblumen vergessen und die Jungfrau rief ihm beim Weggehen nach: "Vergiss das Beste nicht". Er wollte umkehren, um diese zu holen, doch da schlug auch schon die Tür zu und ihm die Ferse wund, die nie mehr heilte.

_________________________________________

Der Schäfer und die Schlange

Unterhalb des Schloßberges hütete einst ein Schäfer seine Herde. Da sah er auf der "Rötsch" eine weißgekleidete Jungfrau stehen. Sie fragte ihn, ob er sie erlösen wolle; reichliche Belohnung sei ihm sicher. Der Schäfer begab sich zu der Stelle, wo ihm die Jungfrau erschienen war, fand aber nur eine Schlange dort. Eine Stimme gebot ihm, der Schlange mit der Schippe unter das Kinn zu fassen, was er auch tat. Da ringelte sie sich langsam den Schippenstiel hinauf. Der Schäfer wartete schon auf den Kuss der Schlange, um die Jungfrau zu erlösen, wie ihm dies von der unsichtbaren Stimmegesagt worden war, als die Schlange kurz vor dem Munde erschrak, laut zischte, zur Erde fiel und verschwand.

_________________________________________

Der Ritter und die drahtlose Telegraphie

Dem Besitzer von Ehrenthal war es auch möglich, sämtliche die Straße unterm Kreuzberge entlang fahrende Fuhrwerke zu beobachten. Er hatte sich ein Gerät oder eine Einrichtung geschaffen, die ihm dies ermöglichte. Sobald nur ein Fuhrwerk in seinen Gesichtskreis kam, schlug in seinem Arbeitszimmer eine Glocke an, obwohl die Entfernung doch immerhin mehr als einen Kilometer betrug. Auf ebenso rätselhafte Weise war es ihm möglich, von jeder beliebigen Stelle aus sich mit seiner Frau zu Hause zu verständigen. Die Bewohner der umliegenden Dörfer wußten dies und mieden den Besitzer des Hofes, wo es nur ging, da er ihnen mit seinen unheimlichen Kräften nicht geheuer vorkam.

_______________________________________


Festgebannte Diebe im Ehrenthal

Auf dem Rittergut Ehrenthal soll es einst einen Besitzer gegeben haben, der über wunderbare Gaben verfügte. Unter anderem war es ihm auch möglich, Menschen, Dinge und einfach alles, was er gerade wollte, festzubannen oder festzumachen, wie man im Landecker Amte sprach. Wenn er sein Gut aus irgendwelchen Gründen verlassen mußte, bannte er zuvor sein Gut fest; es konnte von jedermann betreten, aber nicht mehr verlassen werden.

Einst saß er in Schenklengsfeld im Wirtshaus, um seine auf dem Kerbholz eingeschnittenen Trinkschulden zu begleichen und gleichzeitig in feuchtfröhlicher Gesellschaft bis tief in die Nacht hinein in langer Sitzung das süffige Nass in sich hineinzuschütten. Doch plötzlich äußerte er, sofort nach Hause zu müssen, da er Gäste bekommen habe. Seine Trinkkumpane ahnten nichts Gutes, da sie von seinen geheimen übernatürlichen Kräften wußten.

Zu Hause angekommen, trifft er auf dem Fruchtboden zwölf vermummte Spitzbuben bei der Arbeit an. Sie sacken Frucht ein, um ihn etwas zu erleichtern. Er lud sie freundlicherweise zum Essen ein, das aus Klößen bestand. Obwohl sie willig folgten, konnten sie doch nichts essen, da ihnen die Klöße im Halse steckenblieben. Dann mußten sich die Diebe umziehen, waschen und ihre eigentliche Gestalt präsentieren - und siehe da: es waren die Arbeiter und Knechte des Hausherrn, die ihren Lohn mit Diebesgut hatten aufbessern wollen.

Nach einer anderen Version soll der Hausherr diese zwölf vermummten Gestalten, die sich mit Ruß geschwärzt hatten, beim üppigen Mahl an reichbesetzter Tafel angetroffen haben. Mit Hilfe seines Zauberstabes soll er sie an den Tisch gefesselt haben. Darauf drohte er ihnen, sie nicht vor Sonnenaufgang zu entlassen, damit die ersten Sonnenstrahlen ihnen die auf die Körper aufgetragene Schwärze auf Lebenszeit unabwischbar einbrennen möge.

Er verschloß sich jedoch ihrem inständigen Bitten nicht und entließ sie, nicht ohne ihnen die strenge Mahnung mit auf den Weg zu geben, ihn nie wieder zu besuchen.

__________________________________________________

 

Von anderen weißen Jungfrauen

Die weißen Jungfrauen müssen auf dem Landecker Schloß eine große Rolle gespielt haben. Niemand weiß, wie sie dorthin kamen. Zur ewigen ruhelosen Wanderung verdammt, taten sie den Bewohnern des Landecker Amtes doch nur Gutes, halfen wo sie konnten und verschafften den Bewohnern dadurch viele Erleiterungen.

Selbst Frevlern sollen sie geholfen haben. So erzählte einst ein Mann, der sich eine Stange Holz auf dem Berg geholt hatte, dass es eine weiße Jungfrau gewesen sei, die ihm beim Abschneiden der Stange geholfen habe.
Von einer anderen Jungfrau wird dagegen erzählt, sie habe einen Ackerknecht samt seinen zwei Pferden vom Land hinweggezaubert und im Schloß verschwinden lassen. Dieser Fall soll allerdings die einzige Ausnahme gewesen sein, wo eine Jungfrau Böses tat.

Die Sage weiß noch von anderen Dingen zu berichten, die sich beim näheren Hinschauen wahrscheinlich doch als natürliche Begebenheiten oder zumindest als Sinnestäuschung erklären lassen.

So bekam eine Frau Angst vor einem plötzlich aufkommenden Wirbelwind, der in einer Hecke das Laub durcheinander wirbelte, Vater und Sohn wollen einen verdeckten Wagen in geringer Entfernung vorbeifahrend gesehen haben, in einem anderen Falle wurde ein Junge mit Steinen beworfen, und er konnte niemand sehen, der die Steine warf, auch will man Rumpeln und Poltern im Berg vernommen haben, während noch andere berichteten, dem wilden Jäger und seinen Hündchen begegnet zu sein.

Alle diese Erzählungen mögen aus Angst, Irrtum oder Täuschung hervorgerufen worden sein, aber sie fanden willige Ohren, weil die Menschen noch vom Aberglauben gesessen waren, denn sie glaubten, dass es hier und da nicht mit rechten Dingen zugehe und weil es eben wannerte. So haben sich ganz natürliche Vorgänge im Verlauf der Jahrhunderte im Volksmund zu Sagen verdichtet. Die Spinnstube, die früher in jedem Winter und in jedem Dorf gehalten wurde, war der richtige Ort, solche Wannergeschichten und Sagen an den Mann - sprich: an die Mädchen in der Spinnstube - zu bringen, um ihnen vor dem Heimweg Angst und Schrecken einzujagen.